Resveratrol zur Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen


Wirkstoffe aus dem Rotwein - Kann eine regelmäßige Zufuhr von Resveratrol Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie koronare Herzkrankheit, Atherosklerose oder Herzinsuffizienz vorbeugen?



Hintergrund

Zahlreiche natürliche Produkte, wie z.B. Traubenextrakte, haben möglicherweise ein breites Spektrum von Anwendungen zur Prävention und Behandlung von Krankheiten. Resveratrol, ein Polyphenol, das in hoher Konzentration in blauen Trauben und Rotwein vorkommt, besitzt potenziell eine Anti-Tumor-Wirkung, es wirkt immunmodulatorisch und weist herzschützende Eigenschaften auf. Zudem wirkt es als ein potentes Antioxidationsmittel. Weitere Untersuchungen sprechen für eine positive Wirkung bei der Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen, Diabetes und Herzerkrankungen. Verschiedenen Studen zufolge zählt Resveratrol zu den potenziellen Arzneimittelkandidaten für ein breites Spektrum therapeutischer Anwendungen. 

Der folgende Beitrag beschränkt sich auf die Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Resveratrol.



Wirkmechanismus von Resveratrol am Herzen

Im Endothel, kann Resveratrol die endotheliale Stickstoffmonoxid-Synthase (eNOS) stimulieren und die Menge an verfügbarem NO erhöhen und dadurch die endotheliale Vasodilatation (Gefäßweitstellung) verbessern. Resveratrol kann zudem die Biosynthese der Thromboxane TXA2 und TXB2 modulieren, die an der Thrombozyten-Aggregation (Zusammenlagerung von Blutplättchen) beteiligt sind (4).

Ein wesentlicher Mechanismus, über den Resveratrol seine Schutzwirkung gegenüber Herzkreislauferkrankungen entfaltet, ist die Verhinderung struktureller Veränderungen am Herzen verursacht durch Bluthochdruck und Gefäßstenosen (mit der Folge von Hypertrophie und Remodeling). In zahlreichen tierexperimentellen Untersuchungen gelang der Nachweis, dass Resveratrol die Herzfunktion verbessert und dessen strukturelle Integrität erhält (4).

Kurz gesagt, für Resveratrol konnte nachgewiesen werden, dass es die wichtigsten pathophysiologischen Veränderungen kardiovaskulärer Erkrankungen beeinflusst. Unzweifelhaft ist Resveratrol das am besten untersuchte Polyphenol.



Studien zur Wirksamkeit von Resveratrol


Experimentellen Untersuchungen zufolge besitzt Resveratrol einen kardiovaskulären Nutzen, doch Wirksamkeitsbelege aus kontrollierten Studien am Menschen sind bisher sehr begrenzt.


Koronare Herzkrankheit

In einer Placebo-kontrollierten Untersuchung an 75 Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) zeigten sich nach einer Behandlungsdauer von 12 Monaten mit einem Resveratrol-haltigen Traubenextrakt ein positiver Einfluss auf das Gerinnungssystem und verschiedene Entzündungsmediatoren (10). Diese Patienten erhielten Resveratrol in Ergänzung zur Standardtherapie der KHK (zu Beginn 350 mg eines Traubenextraktes, angereichert mit 8 mg Resveratrol). Unter dieser Behandlung konnten eine Erhöhung des anti-inflammatorisch wirkenden Adiponectins (9,6 %, p = 0,01) und eine Abnahme des Plasminogen-Aktivator-Inhibitor-Typ 1 (PAI-1) (-18.6 %, p = 0,05) dokumentiert werden.
Insgesamt sprechen die bisher durchgeführten Untersuchungen am Menschen dafür, dass die langfristige Einnahme von resveratrolhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln einen kardiovaskulären Nutzen bei KHK-Patienten haben könnte (10).

Eine weitere Untersuchung bestätigt die in tierexperimentellen Studien beschriebene entzündungsmodulierende Wirkung von Resveratrol bei Diabetes-Patienten mit Bluthochdruck. Demnach kann eine langfristige Nahrungsergänzung mit resveratrolhaltigen Traubenextrakt wichtige pro-inflammatorische Cytokine herunterregulieren und sich damit günstig auf begleitende Entzündungsprozesse auswirken. Die tägliche Einnahme von Traubenextrakt hatte nach einer 12-monatigen Behandlungsdauer allerdings keinen Einfluss auf das Körpergewicht und den Blutdruck der Patienten.

Eine neuere klinische Studie bei Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit (KHK) hat die Wirkung einer täglichen Einnahme von 10 mg Resveratrol Kapseln für 3 Monate untersucht (5). Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verbesserung der flussvermittelten Vasodilatation (FMD), die abhängig ist von der allgemeinen Vasodilatation und als ein wichtiger Indikator für die Endothelfunktion angesehen wird. Ferner besserten sich bei diesen Patienten die LDL-Konzentration sowie die Thrombozyten-Aggregation (5).


Risikofaktor Rauchen

Dass Raucher möglicherweise von Resveratrol profitieren könnten, darauf deuten Daten einer Placebo-kontrollierten Untersuchung an 50 ansonsten gesunden Rauchern hin. Die Behandlung erfolgte mit einer täglichen Gabe von 500 mg Resveratrol über 30 Tage. Hervorzuheben bei den Ergebnissen waren insbesondere die signifikante Abnahme des C-reaktiven Proteins (CRP), der Triglyceride und eine Verbesserung der antioxidativ wirkenden Schutzmechanismen (2).
Die Studienautoren schlussfolgerten entsprechend, dass Resveratrol durch seine entzündungshemmenden, antioxidativen und lipidsenkenden Eigenschaften das erhöhte kardiovaskuläre Risiko von Rauchern günstig beeinflussen könne (2).


Angina pectoris

Die entzündungshemmende Wirkung von Resveratrol konnte in einer Untersuchung von 166 Patienten mit einer stabilen Angina pectoris bestätigt werden (6). In dieser Doppelblindstudie erhielten die Patienten für 60 Tage entweder Resveratrol, eine Kombination aus Calcium, Bor und Resveratrol oder eine Standard-Behandlung der Herzerkrankung. Ergebnisse: In beiden aktiven Behandlungsgruppen wurde eine signifikante Abnahme beim CRP beobachtet (high-sensitivity C-reactives Protein). Auch Parameter der linksventrikulären Herzfunktion besserten sich unter der Resveratrol-Einnahme. Während sich die Fettstoffwechsel-Parameter nur geringfügig änderten, besserte sich die Lebensqualität besonders unter der Kombinationsbehandlung aus Resveratrol, Bor und Calcium (6).

Die Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) zielt darauf ab, erste Ereignisse dieser Erkrankung (z.B. einen Herzinfarkt) bei Personen zu verhindern, die zwar deutliche Risikofaktoren aufweisen, bei denen aber bisher noch keine Herzerkrankung diagnostiziert wurde. Die Sekundärprävention von CVD zielt hingegen darauf ab, neue Ereignisse bei Patienten mit bestehenden Herzerkrankungen zu vermeiden. Beide Ansätze beinhalten neben der Umsetzung einer gesunden Lebensweise oftmals eine medikamentöse Intervention.


Atherosklerose

Eine weitere Untersuchung ist der Frage nachgegangen, ob Resveratrol zur Vorbeugung einer Atherosklerose geeignet sein könnte. Bei 44 gesunden Personen wurde die Einnahme von Resveratrol (400 mg trans-Resveratrol + Traubenextrakt + 100 mg Quercetin) oder Placebo über einen Zeitraum von 30 Tagen untersucht. Wesentliches Ergebnis war eine Verminderung von Entzündungsmediatoren (1). Dies sind die ersten klinischen Daten, die darauf hindeuten, dass Resveratrol zur Primärprävention der Atherosklerose bei Personen geeignet sein könnte, die noch kein typisches Risikoprofil nach aktuellen Screening-Kriterien aufweisen.


Herzinsuffizienz

Die Fähigkeit von Resveratrol Störungen der Herzstruktur und -funktion zu verhindern oder Rückgängig zu machen, war Gegenstand der Forschung der letzten Jahrzehnte. Die Ergebnisse aus tierexperimentellen Studien sind vielversprechend und haben zur ersten Untersuchungen bei Patienten mit Herzversagen bzw. Herzinsuffizienz geführt. Erste Ergebnisse aus kontrollierten klinischen Studien deuten auf eine kardioprotektive Wirkung von Resveratrol hin (7).


Schlaganfall

Ersten tierexperimentellen Untersuchungen zufolge könnte Resveratrol das Gehirn vor den Folgen wiederholt auftretender kleinerer Schlagfälle schützen. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass Resveratrol die Auswirkungen der Ischämie auf das Gewebe, z.B. die verschlechterte Sauerstoff- und Glukoseversorgung, vermindern kann (3).


Einfluss von Resveratrol auf Cholesterin und andere Fettstoffwechselparameter

In einer systematischen Übersichtsarbeit wurden die bisher verfügbaren Daten zu Resveratrol dahingehend geprüft, ob Resveratrol einen Einfluss auf erhöhte Cholesterin- und Triglycerid-Werte aufweist (8). Daten aus insgesamt sieben randomisierten, kontrollierten Studien mit insgesamt 282 Patienten wurden berücksichtigt. Ergebnisse: Insgesamt hatte die Resveratrol-Supplementierung keine signifikante Wirkung auf eine der folgenden Lipidparameter: Gesamtcholesterin, LDL- und HDL--Cholesterin sowie Triglyceride. Demzufolge sind andere Mechanismen als eine lipidsenkende Wirkungen für die bekannten herzschützenden Eigenschaften von Resveratrol verantwortlich (8).


Langzeit-Studienergebnisse

Dass die Studienlage zur Wirkung von Resveratrol zum Teil widersprüchlich ist, zeigen die folgenden Befunde:

Langzeit-Follow-up-Daten von älteren Personen aus der Toskana in Italien sprechen dagegen, dass Resveratrol das Risiko von Herzerkrankungen reduziert oder Krebs verhindern kann (9). Auch eine lebensverlängernde Wirkung konnte für Resveratrol nicht nachgewiesen werden. Wie oben beschrieben konnten für Resveratrol in vitro und in Tiermodellen antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften nachgewiesen werden. Aus diesen Ergebnissen abgeleitet, werden dem Rotweinkonsum oder der Einnahme von Resveratrol gesundheitliche Vorteile zugeschrieben. Die erste große Langzeit-Untersuchung, online veröffentlicht am 12. Mai 2014 in der Zeitschrift der American Medical Association; Internal Medicine, lässt große Zweifel an den gesundheitlichen Vorteilen von Resveratrol aufkommen.
Die Forscher veröffentlichten Neun-Jahres-Follow-up-Daten von 783 Männern und Frauen im Alter von über 65 Jahren, die in zwei kleinen Städten im Chianti-Weinanbaugebiet der Toskana lebten. Die Ergebnisse fußen auf methodisch überzeugenden Daten: die 24-Stunden-Urinproben der Teilnehmer zur Bestimmung von Resveratrol-Metaboliten gelten als Goldstandard zur Messung der Resveratrol-Aufnahme.
Ergebnisse: Nach neun Jahren starben 34,2 Prozent der Teilnehmer. Dabei zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Höhe der Resveratrol-Aufnahme und der Sterblichkeit.
Von den 783 Teilnehmern entwickelten 27,2 Prozent während der Beobachtungszeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch hier zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Höhe der Resveratrol-Zufuhr und der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ebenso gab es keinen Zusammenhang zwischen der Resveratrol-Aufnahme und dem Krebsrisiko. Eine Korrelation zwischen Entzündungsmarkern wie C-reaktives Protein (CRP), TNFalpha, Interleukin-6, Interleukin-1beta und der Resveratrol-Versorgung wurde ebenfalls nicht beobachtet. Demnach ließ sich auch die in tierexperimentellen Studien beschriebene Verminderung von Entzündungsmarkern nicht bestätigen (9).

Diskussion und Fazit

Trotz vielversprechender Hinweise aus tierexperimentellen Studien fehlen bisher überzeugende Daten zur Wirksamkeit von Resveratrol bei der Vorbeugung oder Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Legt man die strengen Kriterien der evidenzbasierten Medizin zugrunde, dann existieren bisher für keine der oben diskutierten Anwendungsgebiete Studienergebnisse, die eine Behandlungsempfehlung gerechtfertigt erscheinen lassen. Ein geringeres Auftreten von Herzinfarkten, eine Verminderung von Angina-Pectoris-Anfällen oder eine Rückbildung der Symptome einer Herzinsuffizienz wären geeignete Studienendpunkte zum Nachweis der Wirksamkeit von Resveratrol. Diese Daten fehlen bisher vollständig. Die überwiegende Zahl der Studienergebnisse zu Resveratrol bezieht sich auf Surrogatparameter, die nur indirekt auf einen klinischen Nutzen schließen lassen. Am ehesten geeignet scheint die regelmäßige Zufuhr von Resveratrol zur Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine geeignete Dosierung lässt sich aus den bisher veröffentlichten Daten nicht ableiten. Die bisherigen Untersuchungen sprechen für eine gute Verträglichkeit von Resveratrol über einen Anwendungszeitraum von 30 Tagen bis zu 12 Monaten.


Weitere Beiträge zur Wirksamkeit von Resveratrol


Resveratrol bei Diabetes mellitus und Übergewicht – wirksam oder unwirksam?

 

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  Literatur

1. Agarwal B, Campen MJ, Channell MM, Wherry SJ, Varamini B, Davis JG, Baur JA, Smoliga JM. Resveratrol for primary prevention of atherosclerosis: clinical trial evidence for improved gene expression in vascular endothelium. Int J Cardiol. 2013 Jun 5;166(1):246-8.
2. Bo S, Ciccone G, Castiglione A, Gambino R, De Michieli F, Villois P, Durazzo M, Cavallo-Perin P, Cassader M. Anti-inflammatory and antioxidant effects of resveratrol in healthy smokers a randomized, double-blind, placebo-controlled, cross-over trial. Curr Med Chem. 2013;20(10):1323-31.
3. Clark D, Tuor UI, Thompson R, Institoris A, Kulynych A, Zhang X, Kinniburgh DW, Bari F, Busija DW, Barber PA. Protection against recurrent stroke with resveratrol: endothelial protection. PLoS One. 2012;7(10):e47792.
4. Khurana S, Venkataraman K, Hollingsworth A, Piche M, Tai TC. Polyphenols: benefits to the cardiovascular system in health and in aging. Nutrients. 2013 Sep 26;5(10):3779-827.
5. Magyar K, Halmosi R, Palfi A, Feher G, et al. Cardioprotection by resveratrol: A human clinical trial in patients with stable coronary artery disease. Clin Hemorheol Microcirc 2012; 50: 179-87.
6. Militaru C, Donoiu I, Craciun A, Scorei ID, Bulearca AM, Scorei RI. Oral resveratrol and calcium fructoborate supplementation in subjects with stable angina pectoris: effects on lipid profiles, inflammation markers, and quality of life. Nutrition. 2013 Jan;29(1):178-83.
7. Raj P, Louis XL, Thandapilly SJ, Movahed A, Zieroth S, Netticadan T. Potential of resveratrol in the treatment of heart failure. Life Sci. 2014 Jan 30;95(2):63-71.
8. Sahebkar A. Effects of resveratrol supplementation on plasma lipids: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutr Rev. 2013 Dec;71(12):822-35.
9. Semba RD, Ferrucci L, Bartali B, et al. Resveratrol levels and all-cause mortality in older community-dwelling adults. JAMA Intern Med. 2014 May 12. [Epub ahead of print]
10. Tomé-Carneiro J, Larrosa M, Yáñez-Gascón MJ, Dávalos A, Gil-Zamorano J, Gonzálvez M, García-Almagro FJ, Ruiz Ros JA, Tomás-Barberán FA, Espín JC, García-Conesa MT. One-year supplementation with a grape extract containing resveratrol modulates inflammatory-related microRNAs and cytokines expression in peripheral blood mononuclear cells of type 2 diabetes and hypertensive patients with coronary artery disease. Pharmacol Res. 2013 Jun;72:69-82.



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